Was Europa wirklich trennt

Europakarte

Als spachinteressierter Mensch und leidenschaftlicher Teetrinker, hab’ ich mich immer schon gefragt, warum dieses Aufgussgetränk in manchen Ländern Europas “Tee” (tea, Tee, Thé, tè, תה, …) und in anderen “Chai” (чай, čaj, chá, chè, …) heißt. Die Wikipedia erklärt dies wie folgt:

The Chinese character for tea is 茶, but it is pronounced very differently in the various Chinese dialects. Two pronunciations have made their way into other languages around the world. One is ‘te’ (POJ: tê) which comes from the Minnan dialect spoken around the port of Xiamen (Amoy). The other is ‘cha’, used by the Cantonese dialect spoken around the ports of Guangzhou (Canton) and Hong Kong, as well as in the Mandarin dialect of northern China. … It is tempting to correlate these names with the route that was used to deliver tea to these cultures, but this correspondence does not follow. For example, most British trade went through Canton, which uses cha.

Zur Veranschaulichung hab’ ich eine Europakarte erstellt, die zeigt, in welchen Ländern Tee auch “Tee” heißt (rot), und in welchen “Chai” (grün).

E-Voting in Estland

Am 16. Oktober wählt Estland landesweit und setzt dabei auf E-Voting – 21 Prozent wollen diese Option nutzen. Neben der einfachen Bedienbarkeit sticht eine besondere Funktion hervor – die Wähler können ihren Wahlwunsch beliebig oft ändern.

Dabei kritisiert der estnische Staatspräsident Arnold Rüütel an diesem System vor allem, dass durch die Möglichkeit zur Stimmänderung Nicht-Computer-Wähler nicht mehr mit den Internet-Benutzern gleichgestellt sind. Verfassungsrechtlicher Kleinkram! Meine Sorge dabei ist eher, dass durch ein solches System Wählerstimmen zum ersten Mal wirklich direkt käuflich sind. Jemand darüber nachgedacht?

[futureZone.orf.at: Estland wählt online]

Österreichs Problem

In einem Guardian-Artikel vom Dienstag ist nachzulesen, wie sich so dumme Aktionen wie die vom letzten Wochenende auf das Ansehen Österreichs in Europa auswirken.

Austria: land of Edelweiss and yodelling and the greatest enthusiasm for far-right politics in western Europe; a land in which, according to legend, one can scarcely open a cupboard without stumbling across an old Nazi in hiding.

… und es kommt noch besser! ;)

Recently the world’s most prominent Austrian, Arnold Schwarzenegger, was found to have a Nazi father hiding in the cupboard.

[The Guardian: Emma Brockes; The question, What is Austria’s problem?]

Revolution oder Konterrevotution?

Julia Timoschenku und Viktor Juschtschenko

In der heutigen FAZ analysiert der Lyriker Andrij Bondar die Versäumnisse der orangenen Revolution und das Versagen des ehemaligen Revolutionsführers und jetztigen Präsidenten Viktor Juschtschenko.

Doch die Inkonsequenz des ukrainischen Präsidenten ist so offensichtlich, daß sich mir jetzt, da ich den zurückliegenden „heißen September” mit kühlem Kopf analysiere, ein Eindruck hartnäckig aufdrängt: Der Schüler Juschtschenko hat einfach nicht aufgepaßt, und er wird die versäumten Stunden nicht nachholen können. Er verlor an fast allen Fronten, ohne auch nur einen einzigen Fehler öffentlich einzugestehen, am wenigsten seinen größten – den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.

Mit der Wiederannäherung Juschtschenkos an seine ehemaligen Todfeinde Janukowitsch und den ehemaligen Präsidenten Kutschma trete der Ukraine in eine “Epoche der Konterrevolution” ein.

Die Gewinnerin dieser Entwicklung ist die vor einem Monat gestürtzte Premierministerin Julia Timoschenko. Da ihr Sieg bei den Parlamentswahlen im März 2006 fast schon fetstehe, appeliert Andrij Bondar an die europäischen Politiker, schon jetzt auf die künftige Präsidentin einzuwirken.

Es wäre unverzeihlicher Leichtsinn von Europa, das an einer stabilen proeuropäischen Regierung in der Ukraine interessiert sein muß, sie sich ausschließlich in östlicher Richtung entwickeln zu lassen. Obwohl schon heute eine starke Politikerin, ist Julia Timoschenko noch immer eine tabula rasa – ein unbeschriebenes politisches Blatt, das auf Wunsch mit pro-europäischen Projekten beschrieben werden kann.

[faz.net: Andrij Bondar, Revolution zu verschenken]

TV-Tipp: Fear and Loathing in Las Vegas, Mi 5.10. 22h40 ARTE

Heute Abend zeigt ARTE Terry Gilliams filmische Umsetzung von Hunter S. Thompsons Roman Fear and Loathing in Las Vegas.

Filmplakat

Der Journalist Raoul Duke reist mit seinem Anwalt Dr. Gonzo nach Nevada, um über ein Motorradrennen in der Wüste zu berichten. Ein Job, den die beiden schnell zugunsten des Glücksspiels und exzessiver Drogenexperimente aufgeben. Doch der Traum vom großen Geld erfüllt sich ebenso wenig wie die Hoffnung auf Erleuchtung durch bewusstseinsverändernde Mittel.

[Link]

Das Wort der Woche: Junktim

Bundeskanzler Schüssel und Außenministerin Plassnik werden nicht müde zu betonen, dass es kein Junktim zwischen den von Österreich erwünschten EU-Beitrittsverhandlungen mit Kroatien und dem Verhandlungsstart mit der Türkei gibt.

Ein Junktim (von lat. iunctim = verbunden) ist juristischer Begriff für die Koppelung von Regeln oder Bedingungen, die an sich separat und voneinander unabhängig sind. Junktimierung ist eine juristische Technik bei Verhandlungen über Verträge oder Gesetzesentwürfen. Vereinfacht kann man sagen, dass man sich auf den Standpunkt stellt ‚Ohne das eine geht das ganze andere nicht.’¹

¹ Quelle: Wikipedia

Der Chip im Reisepass (updated)

Spätestens ab Mitte 2006 werden in Österreich die neuen Reisepässe ausgegeben. Sie enthalten einen RFID-Chip, auf dem biometrische Daten des Passinhabers (Passphoto, Fingerabdrücke) gespeichert sind. Wie die futurezone heute berichtet, müssen alle Inhaber eines österreichischen Passes, der zwischen dem 26. Oktober 2005 und der Einführung der Chip-Reisedokumente ausgestellt wird, künftig für die Einreise in die USA ein Visum beantragen. Dies ist aber nicht der einzige Grund, warum man noch bis zum 25. Oktober einen neuen Pass beantragen sollte.

Reisepass

In einer Pressemitteilung weist der Chaos Computer Club heute wieder auf die Probleme hin, die durch die Einführung der neuen Pässe entstehen. Zum einen trägt die Speicherung personenbezogener Daten weder zur Fälschungsicherheit der Dokumente, noch zur Terrorprävention bei. Andy Müller-Maguhn, Sprecher des CCC”: Kein Bürger sollte glauben, durch die Biometrie in Ausweisen könnten Terroristen gefangen werden. Schließlich haben die Täter in der Vergangenheit immer einen gültigen Pass besessen.” Ausserdem könnten Terroristen noch immer auf Pässe anderer Staaten ausweichen. Auch ist nicht sichergestellt, dass die Daten, die an allen internationalen Grenzen ausgelesen werden können, nicht gespeichert bzw. für andere Zwecke verwendet werden. Dieser Punkt stellt einen ganz klaren Eingriff in das Grundrecht auf Informationelle Selbstbestimmung dar.

Wozu also die praxisuntaugliche Technologie, über deren Einführung ohne gesellschaftliche Debatte über die Köpfe der Bürger und des Parlaments hinweg entschieden wurde? Weshalb die überstürzte Einführung? Der Verdacht liegt nahe, dass hier Lobbyisten ganze Arbeit geleistet haben und wirtschaftliche Interessen massiv unterstützt werden sollen. Die marode Bundesdruckerei mit ihren undurchsichtigen Eigentumsverhältnissen und die auf ein Riesengeschäft lauernde Biometrieindustrie erwarten blendende Umsätze. Der Bürger hingegen darf sich auf mehr Überwachung, neue digitale Datensammlungen und eine Technik, die nachweislich noch nicht einsatzreif ist, freuen.

Résumé: Unbedingt noch innerhalb der nächsten zwei Wochen einen neuen Pass beantragen!

Update: Auf heise online ist bereits einige Stunden nach der Veröffentlichung der Pressemeldung des CCC die Reaktion der Lobbyisten zu lesen. Sachliche Argumente, die die Kritikpunkte des CCC wirklich widerlegen, sucht man darin allerdings vergeblich. So beginnt dieser Artikel gleich mit einer schwachsinnigen Polemik.

Trotz der Warnungen des Chaos Computer Clubs (CCC) vor “rot blinkenden Bildschirmen” beim versuchten Grenzübertritt …

Kein Kommentar!

Angesprochen auf die “BioP II”-Studie des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), die den existierenden Biometrie-Systemen noch keine ausreichende Praxistauglichkeit attestiert, entgegnete der IT-Chef des Bundes, dass man mit der “Flächenbeschaffung” ja noch nicht begonnen habe. Eine “flächendeckende elektronische Kontrolle” an den Grenzen werde es “erst in einigen Jahren geben”, betonte er.

Toll! Ob Staaten die von korrupten Menschen regiert werden auch “erst in einigen Jahren” auf die Idee kommen werden, dass man gespeicherte Daten der Einreisenden zu deren Überwachung ausnutzen bzw. damit einfach viel Geld machen kann? Ich glaube nicht!

Schallbruch weist die Argumente zurück: Es sei kein “Selbstzweck”, die Pässe biometrisch aufzurüsten, erklärte er. Die von Deutschland durchgesetzten kryptographischen Verfahren würden verhindern, dass der Pass unbemerkt ausgelesen und beschrieben werden könne.

Zweifels ohne! Wie wir im letzten Chaosradio (Der Wiener Lloyd berichtete) erfahren haben, scheint es wirklich so zu sein, dass die neuen Pässe nur dann ausgelesen werden können, wenn man sie auch selbst in der Hand hat. Um auf die im Chip gespeicherten Daten zugreifen zu können, wird ein Zugriffsschlüssel benötigt, der auf dem maschinenlesbaren Bereich des Passes aufgedruckt ist. Allerdings verhindert auch dieses Sicherheitsmerkmal den möglichen Datenmissbrauch durch “autorisierte Stellen” nicht.

Unerwartet ehrlich spricht man von Seiten der Industrie auch über die wirklichen Gründe für die Einführung der elektronischen Reisepässe.

Endlich habe man im Bereich Biometrie dank der Industriepolitik der Bundesregierung nun “ein großes Referenzprozekt”, sagte Sandra Schulz, Bereichsleiterin Sicherheit beim Bitkom. Sie baut darauf, dass “mit dem E-Pass die wesentlichen Marktbarrieren entschärft werden”.

Marktbarrieren zu entschärfen ist ja gut und schön. Aber bitte nicht, wenn man dafür eine datenschutzrechtliche Katastrophe riskieren muss!