Revolution oder Konterrevotution?

Julia Timoschenku und Viktor Juschtschenko

In der heutigen FAZ analysiert der Lyriker Andrij Bondar die Versäumnisse der orangenen Revolution und das Versagen des ehemaligen Revolutionsführers und jetztigen Präsidenten Viktor Juschtschenko.

Doch die Inkonsequenz des ukrainischen Präsidenten ist so offensichtlich, daß sich mir jetzt, da ich den zurückliegenden „heißen September” mit kühlem Kopf analysiere, ein Eindruck hartnäckig aufdrängt: Der Schüler Juschtschenko hat einfach nicht aufgepaßt, und er wird die versäumten Stunden nicht nachholen können. Er verlor an fast allen Fronten, ohne auch nur einen einzigen Fehler öffentlich einzugestehen, am wenigsten seinen größten – den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit.

Mit der Wiederannäherung Juschtschenkos an seine ehemaligen Todfeinde Janukowitsch und den ehemaligen Präsidenten Kutschma trete der Ukraine in eine “Epoche der Konterrevolution” ein.

Die Gewinnerin dieser Entwicklung ist die vor einem Monat gestürtzte Premierministerin Julia Timoschenko. Da ihr Sieg bei den Parlamentswahlen im März 2006 fast schon fetstehe, appeliert Andrij Bondar an die europäischen Politiker, schon jetzt auf die künftige Präsidentin einzuwirken.

Es wäre unverzeihlicher Leichtsinn von Europa, das an einer stabilen proeuropäischen Regierung in der Ukraine interessiert sein muß, sie sich ausschließlich in östlicher Richtung entwickeln zu lassen. Obwohl schon heute eine starke Politikerin, ist Julia Timoschenko noch immer eine tabula rasa – ein unbeschriebenes politisches Blatt, das auf Wunsch mit pro-europäischen Projekten beschrieben werden kann.

[faz.net: Andrij Bondar, Revolution zu verschenken]

TV-Tipp: La ville est tranquille, Mo 3.10. 0h15 ARTE

Plakat

Montag Nacht wiederholt ARTE Robert Guédiguians filmisches Meisterwerk “La ville est tranquille” (Dt. Titel: “Die Stadt frisst ihre Kinder”).

Unter der gleißenden Sonne Marseilles spielen sich die tragischen Geschichten einer Reihe von Menschen ab, deren Schicksale lose miteinander verbunden sind. Da sind zum Beispiel Michèle, die um ihre drogensüchtige Tochter kämpft, der schweigsame Kneipier Gérard, der zwielichtigen Geschäften nachgeht, der erfolglose Taxifahrer Paul und die unglücklich verheiratete Viviane, die mit dem jungen Abderramane eine kurze Zeit des Glücks erlebt.

Rassismus, Drogensucht, Arbeitslosigkeit und Prostitution – in dieser Dichte beschäftigt sich dieser Film mit den Problemen unserer städtischen Gesellschaften. Zugleich ist “La ville est tranquille” auch eine Hommage an die Hafenstadt Marseille, die alle Facetten der europäischen Gesellschaft widerspiegelt.

[Link]

Der Kampf um die SNCM geht weiter

Nachdem das von ca. 40 Gewerkschaftern gekaperte Fährschiff “Pascal Paoli” am Mittwoch von der französischen Armee befreit wurde, hat Premierminister Dominique de Villepin heute mit der Aussage aufhorchen lassen, der Staat könne 25% der Anteile am Unternehmen behalten. Allerdings hat die kommunistische Gewerkschaft CGT (Confédération générale du travail) bereits angekündigt, dass ihr dieser Vorschlag nicht weit genug geht.

Peu après la conférence de presse de M. Villepin, la CGT a cependant indiqué qu’elle refusait le nouveau montage financier proposé: “C’est un montage bidon fait par l’Etat, on ne marche pas”, a déclaré Bernard Marty, le secrétaire général CGT de la Société nationale Corse-Méditerranée. “Notre position n’est pas modifiée, l’Etat ne peut pas être minoritaire. On se rend à la réunion cet après-midi par politesse mais on n’y restera pas très longtemps”, a-t-il ajouté.

Es bleibt also spannend!

[Le Monde: Dominique de Villepin annonce un plan pour “sauver” la SNCM]

Pressefreiheit für Weblogger!

In vielen nicht-demokratischen Staaten sind Weblogs eine Alternative zur Berichterstattung der staatlich kontrollierten Medien. Dort allerdings leben Blogger, die in ihren Beiträgen von der herrschenden politischen Meinung abweichen, in großer Gefahr. “Reporter ohne Grenzen” gibt jetzt in einem Handbuch Tipps für Internet-Dissidenten.

[Tagesschau: Tipps für “Cyber-Dissidenten”]

TV-Tipp: Alexis Sorbas, Fr 30.9. 1h15 ZDF

Alexis Sorbas

Anthony Quinn als der Grieche mit dem großen Herzen, Sirtaki, Liebe, Eifersucht und Melancholie in der Ägäis: “Alexis Sorbas”, nach dem Roman von Nikos Kazantzakis, errang drei Oscars und wurde weltweit zum Kultfilm; die Filmmusik von Mikis Theodorakis entwickelte sich zum internationalen Ohrwurm.

[Link]

Radiotipp: Chaosradio 106, Mi. 28.9. 22h00

Letzer Mittwoch im Monat? Chaosradio! Diesmal wieder zu einem besonders interessanten Thema: “Der neue elektronische Reisepass”.

Ab 1. November ist es soweit: Unsere Reisepässe bekommen einen Chip, auf dem unsere Daten digital gespeichert sind. Aber das ist nicht alles: Bei der Grenzkontrolle sollen automatisch die gespeicherten Daten mit einer elektronischen Gesichtsvermessung kontrolliert werden.

In einem weiteren Schritt werden auch unsere Fingerabdrücke mit in den Chip aufgenommen. Dann ähnelt die Beantragung eines Reisepasses der erkennungsdienstlichen Behandlung von Tatverdächtigen.

[Link & Livestream]

monochrom: Zeigerpointer

Zeigerpointer Beispiel

Der Zeigerpointer (eine tautologische deutsch-englische Wortschöpfungsfreiheit, die wir uns erlauben) ist die kärgste Form der printmedialen Kapitulation. Verschiedene Personen — in erster Linie in Lokalzeitungen und Zeitschriften regionaler Bedeutung — müssen für die Zeiss (u.ä.)-Optiken der Fotografen auf Dinge und Ereignisse hinweisen. Mit ihren blanken Händen! Die Dinge oder Ereignisse selbst nämlich — ob längst entschwundene Flüchtlinge, bereits geborgene Fahrzeugwracks oder völlig abgebrannte Gebäude — entziehen sich entweder durch ihre optische Fadesse, zeitliche Abgelaufenheit oder durch ihr Nicht-mehr-existent-Sein der Belichtung und (dicker Folgepfeil) massenmedialen Maschinerie. Gut, bleibt ja immer noch der Zeigerpointer. Der Zeigerpointer soll das doch mal zeigerpointen, bitteschön!

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