
Quelle: harodnia.com
Mit diesem Brief möchten wir uns an die Intellektuellen in aller Welt wenden. Wir, weißrussische Historiker, Studenten und Kulturschaffende bitten um Hilfe, um die Zerstörung der wertvollen historischen Stadt Grodno aufzuhalten und ihr kulturelle Erbe zu retten. Wir setzen unsere letzte Hoffnung auf Ihre Reaktion, um unwiederbringliche Denkmäler zu bewahren.
Dies ist der erste Absatz eines offenen Briefes, in dem sich zahlreiche Intellektuelle an die Europäische Öffentlichkeit wenden, weil sie darin die letzte Chance zur Rettung der belarussischen Stadt Grodno sehen. In diesem Brief fordern sie den Stopp der Zerstörung des historischen Erbes der Stadt an der Memel.
Heute im Dreiländereck zwischen Belarus, Polen und Litauen gelegen, verfügt Grodno über eine wechselhafte Geschichte. Bis Ende des 18. Jahrhunderts de facto die Hauptstadt des polnisch-litauischen Reiches, fiel die Stadt nach der ersten Teilung Polens an das Russische Reich. Kurzzeitig von Napoleon besetzt, wurde Grodno erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder eine polnische Stadt. Aber auch diese Periode war nicht von langer Dauer. Im Zweiten Weltkrieg zuerst von der Sowjetunion und dann von den Deutschen besetzt, ist Grodno seit 1945 Teil (des seit 1991 unabhängigen) Weißrusslands. Trotz zahlreicher Umsiedlungen, gehören auch heute noch etwa 40 Prozent der Bevölkerung der polnischen Volksgruppe an.
Diese vielfältige Geschichte hat Grodno aber auch zu einem einzigartigen architektonischen Erbe verholfen. Während es bereits in sowjetischer Zeit zu großen Zerstörungen kam, drohen aktuelle Entwicklungen ganze Teile der historischen Altstadt auszulöschen.
Die Rekonstruktion der Altstadt Grodnos wird ohne rechtlich vorgeschriebene archäologische Untersuchungen durchgeführt. Nur oberflächliche Schürfe wurden zugelassen – insgesamt haben diese nur einen winzigen Teil des historischen Zentrums abgedeckt. So werden Historiker in Zukunft nur noch erahnen können, was von den Bulldozern zerstört wurde. Selbst diejenigen einstigen Sehenswürdigkeiten, auf deren Fundamente man stieß, und die ohne weiteres wieder errichtet werden könnten, werden zerstört. Teile des Adelspalais der Radziwillows und des einstigen Rathauses wurden beschädigt, der alte Marktplatz wurde gänzlich beseitigt. Statt eine Sanierung vorzunehmen wurden weitere Denkmäler rekonstruiert, indem man an ihrer Stelle billige und schlechte Kopien entstehen ließ.
Wie Felix Ackermann berichtet, scheinen vor allem aber auch die alten jüdischen Viertel von den aktuellen städtebaulichen Maßnahmen bedroht zu sein.
[Mitropa: Rettet Grodno!]
[Vom Ufer der Memel: Eine Perle droht zu zerspringen]
[harodnia.com: Alte Postkarten]
[harodnia.com: Fotos von den aktuellen Zerstörungen]