
Zwei Wiener diskutieren.
Einer entwickelt seine Meiung und begründet sie. Der andere bringt hierauf eine ganz und gar gegsätzliche Meinung vor und stützt sie ebenfalls mit guten Gründen.
Wird daraus ein Streit entstehen? Werden sich die Gesprächspartner veranlaßt fühlen, ihre Meinungen gegeneinander abzuwägen? Werden beide versuchen, in logischer Argumentation die Richtigkeit der eigenen und die Unrichtigkeit der anderen Meinung nachzuweisen?
Da es sich um Wiener handelt, werden sie nichts dergleichen tun. Vielmehr wird der eine, nachdem er die Meinung des anderen zur Kenntnis genommen und kurz bedacht hat, mit höchster Wahrscheinlichkeit nur jene drei einsilbigen Worte äußern, in denen alle Weißheit dieser Stadt beschlossen ist: “Is auch wahr…” wird er sagen. […]
[Jörg Mauthe, Durch die Seele des Wieners]