Minsk: Die Polizeitaktik (updated)

Zelte auf dem Minsker Oktoberplatz
Quelle: Радыё Свабода

About 500 protesters are on the square at the moment. About 20 tents are put up there. They are enclosed by a chain of people. White-red-white flags, flags of the European Union, state flags of Latvia, Georgia, Ukraine and Russia are waving. Besides, there are flags of Zubr movement and flags with Our Lady of Minsk. Streamers with slogans: “We believe! We can! We shall win!”, “Milinkevich!”, “For Freedom!” are placed on the Trade Union Palace’s columns.

Nachdem letzte Nacht mehrere hundert Menschen bei extremen Temperaturen in Zelten auf dem Oktoberplatz in Minsk übernachtet haben, zeigt sich langsam, mit welchen Mitteln die Staatsmacht gegen die Demonstranten vorgeht. Offensichtlich hat Lukaschenko erkannt, dass er es sich nicht leisten kann, den Platz gewaltsam räumen zu lassen. Statt dessen greift er zur Aushungerungstaktik. In der Hoffnung, dass die Demonstranten aufgeben, wenn sie frieren oder ihnen das Essen ausgeht, werden Personen mit Rucksäcken daran gehindert, auf den Oktoberplatz zu gehen. Die Menschenrechtsorganisation Charter 97 berichtet in diesem Zusammenhang sogar von Verhaftungen.

Bereits gestern Abend sind drei Aktivisten, unter ihnen der Minsker Theaterdirektor Valery Mazynski, verschwunden, als sie versucht hatten die Demonstranten mit warmen Tea und anderen Lebensmitteln zu versorgen.

Update: Weitere Bilder von den Ereignissen in Minsk gibt’s hier oder hier (via Belarus Elections 2006).

[br23 blog: Police tactics: the siege]
[Charter 97: People Who Bring Food to October Square Stand Trial]
[Charter 97: Policemen Detain People Trying to Bring Tea and Food to Tent Camp on October Square]

Minsk: Die Demonstrationen gehen weiter

Tausende harren am Minsker Oktoberplatz aus
Quelle: Радыё Свабода

Auch am Tag eins nach den Wahlen in Weißrussland haben sich wieder Tausende von Menschen im Zentrum von Minsk eingefunden, um gegen die gefälschten Wahlergebnisse zu demonstrieren. Zwischenzeitlich waren auch die Söhne von Alexander Milenkjewitsch verschwunden. Nachdem sie von der Polizei verhört wurden, wurden sie allerdings wieder freigelassen. Wie Radio Free Europe und Charter 97 berichten, plant eine größere Gruppe von Demonstranten auch über Nacht am Oktoberplatz auszuharren. Die Zelte stehen bereits. Bleibt nur zu hoffen, dass die Polizisten (oder deren Anführer) auf keine dummen Ideen kommen!

[br23 blog: Tents on October square]
[Radio Free Europe: Opposition Supporters In Minsk Preparing To Stay Out All Night]
[Радыё Свабода: Жывы онлайн-рэпартаж з Кастрычніцкай плошчы (inkl. Bilder)]

Zehntausende auf den Straßen Minsks (updated)

Zehntausende am Minsker Oktoberplatz (Quelle: Радыё Свабода)
Quelle: Радыё Свабода

Trotz aller Einschüchterungsversuche von “Präsident” Lukaschenko haben sich mehrere tausend Menschen Zehntausende gemeinsam mit dem Oppositionskandidaten Alexander Milenkjewitsch auf dem Minsker Oktoberplatz eingefunden. Die Angaben über die Zahl der Demonstranten reichen von 10.000 (ORF), über 20.000 (Gazeta Wyborcza) bis hin zu 50.000 (einige Weblogs). In jedem Fall ein eindrucksvolles Zeichen!

Während die Staatsmacht von über 90 Prozent der Stimmen für den regierenden Präsidenten spricht, hat Alexander Lukaschenko laut Angaben des Moskauer Meinungsforschungsinstituts Lewada mit 47,4 Prozent den Sieg im ersten Wahlgang knapp verfehlt. Demnach fallen 25,6 % der Stimmen auf Alexander Milenkjewitsch (Quelle).

Update: Im Weblog Belarus Elections 2006 finden sich zahlreiche Photos vom Oktoberplatz.

Update: Weitere Bilder auf den Seiten von Radio Svaboda (Link).

Update: Mittlerweile sind die Internetseiten der weißrussischen Menschenrechtsoranisation Charter 97 (Wikipedia) nicht mehr erreichbar. BelarusNews.de berichtet von Angriffen auf unabhängige Informationsquellen.

Update: Der ORF korrigiert die Angaben bzgl. der Zahl der Demonstranten von 10.000 auf 15.000. Radio Free Europe spricht von 20.000 bis 30.000 Menschen, die sich am Oktoberplatz eingefunden haben.

Update: Seit Mitternacht beginnt sich die Demonstration langsam aufzulösen. Die oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Milenkjewitsch und Kazulin rufen dazu auf, die Demonstrationen am Montag fortzuführen.

Zehntausende am Minsker Oktoberplatz (Quelle: Gazeta Wyborcza)Zehntausende am Minsker OktoberplatzZehntausende am Minsker OktoberplatzZehntausende am Minsker OktoberplatzZehntausende am Minsker OktoberplatzZehntausende am Minsker Oktoberplatz

[orf.at: Weißrussland: 15.000 demonstrieren für Wahlannullierung]
[Gazeta Wyborcza: Opozycja demonstruje i nie uznaje wyników]
[Radio Free Europe: Minsk Opposition Protest Continues To Grow]
[Radio Free Europe: Belarus Opposition Will Not Recognize Vote Results]
[spiegel.de: Lukaschenkos Gegner wollen nicht weichen]

In Europa (6) (updated)

Belarus Flag

Es gibt Sachen über die man nicht zu lange nachdenken sollte! Da hab’ ich in den letzten Tagen locker zwei oder drei dutzend Artikel über die bevorstehenden Wahlen in Belarus gelesen. Desto länger ich darüber nachdenke, desto paradoxer kommt mir die Situation vor. Da ist ein “Präsident”, der sich bei der Bevölkerung einer recht hohen Beliebtheit erfreut, obwohl er für ein Klima der Angst verantwortlich ist. Zweifels ohne, die Wirtschaftsdaten sind nicht schlecht: hohe Wachstumsraten, geringe Arbeitslosigkeit usw. Selbst die unabhängigsten Umfragen aus dem Ausland bescheinigen Lukaschenko mindestens 50 Prozent der Stimmen. Die uneinige Opposition kann ihm nicht gefährlich werden.

Trotzdem macht dieser Mann alles, um seinen sowieso schon recht bescheidenen Ruf komplett zu ruinieren. Da werden Wahlbeobachter schon an den Staatsgrenzen von ihrer Arbeit abgehalten, indem man sie nicht einreisen lässt, die letzten Reste freier Medien blockiert (Ein erschreckendes Beispiel gibt’s hier) und Oppositionelle aufgrund von Nichtigkeiten (zumindest) für die Zeit der Wahlen eingesperrt.

In Grodno wurde der Vorsitzende des Verbands der Vereinigten Bürgerpartei im Gebiet Brest, Stepan Nowoseltschan, wegen Falschparkens seines Wagens von der Polizei festgenommen. Auch in Grodno wurden acht weitere Mitglieder der Teams der Präsidentschaftskandidaten Aleksandr Milinkewitsch und Aleksandr Kosulin verhaftet, unter ihnen Sergej Maltschyk, Wiktor Sasonow und Maksym Gubarewitsch, aber auch die Mitglieder des von der Staatsmacht nicht anerkannten Verbandes der Polen in Belarus, Andrzej Pisalnik, Andrzej Poczobut und Jozef Porzecki. Gegen sie wurde Anklage wegen unflätiger Ausdrücke in der Öffentlichkeit erhoben.

Warum dieser Aufwand für eine Wahl, die sowieso schon gewonnen ist? Anders als in der Ukraine, gibt es in Belarus kaum Bevölkerungsteile, die ihre Zukunft eindeutig in der Westintegration sehen. Durch all diese komischen Aktionen erhöht Lukaschenko die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, was jemand wie er eigentlich gar nicht gebrauchen kann.

Auch die Opposition gibt mir Rätsel auf: Da tut sich die Möglichkeit auf, die von Lukaschenko vorverlegten Wahlen kurzfristig platzen zu lassen, indem zwei Kandidaten zurücktreten: Milinkewitsch spielt nicht mit. Und über die Fehler der EU in dieser Region Europas, brauche ich nicht zu schreiben. Zu diesem Thema hat der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse schon alles gesagt (pdf).

Bleibt abzuwarten, wieviele Leute am Sonntag auf den Straßen von Minsk gegen die Wahlfälschungen demonstrieren. So klein die Chance für einen Umbruch auch ist, so groß die Hoffnung!

[Deutsche Welle: Zahlreiche Oppositionelle vor Wahl in Belarus festgenommen]
[Deutsche Welle: Belarussische Opposition ruft zu Protesten auf]
[Der Standard: Polizei droht Regimegegnern am Wahltag Gewalt an ]
[Der Standard: Weitere Oppositionelle festgenommen]
[Der Standard: Stalinismus mit Sahnehäubchen]
[RadioFreeEurope: Key Opposition Figures Arrested In Belarus]
[RadioFreeEurope: Polish Journalist Refused Entry Into Belarus]
[RadioFreeEurope: Minsk Police Arrest Russian, Belarusian Activists]
[br23 blog: Ukrainian journalist arrested]
[RadioFreeEurope: Belarusian Newspapers Suspend Publication]
[Deutsche Welle: Belarus: Ansprachen der Präsidentschaftskandidaten zensiert]
[Eurozine: Wie Weißrussland Lukaschenko wählt]
[Eurozine: Belarus: Hopes for democracy and doubts about national identity]
[café babel: Milinkevich: “I believe in a European Belarus”]
[café babel: Färbt sich Weißrussland orange?]
[RIA Novosti: Georgien besorgt über Nichtzulassung seiner Beobachter zu Präsidentenwahlen in Weißrussland]

In Europa! (5)

Chaos an der moldauisch-ukrainischen Grenze
Demonstranten in Tiraspol
Das neue, gemeinsam mit der EU und der OSZE ausgehandelte Zollabkommen zwischen der Ukraine und Moldawien, das seit 3. März in Kraft ist, untersagt den Transit von Waren aus der selbsternannten Republik Transnistrien in die Ukraine, wenn für diese keine Zollpapiere der Republik Moldova vorliegen. Bereits letzte Woche kam es deswegen zu chaotischen Zuständen an der moldauisch-ukrainischen Grenze.

Korrespondenten des Rumänischen und Ukrainischen Programms der Deutschen Welle berichten von chaotischen Zuständen an der Grenze. Derzeit sind am Grenzbahnhof Kutschurgany mehr als 1.500 Eisenbahn-Waggons gestoppt. Sie werden nicht über die Grenze gelassen, weil für sie die notwendigen Begleitpapiere des moldauischen Zolls fehlen. Eine ähnliche Situation ist auch in der Grenzsstadt Bendery zu beobachten.

Der transnistrische Präsident Igor Smirnow heizt indessen die Lage noch weiter an, indem er allen Händlern die um moldawische Exportgenehmigungen ansuchen, mit hohen Gefängnisstrafen droht. Auch die Friedensgespräche mit Moldawien liegen seit Dienstag still. Laut tiraspol.info haben heute 10000 Menschen in der Hauptstadt Transnistriens gegen die “Zollblockade” demonstriert. In Tiraspol hofft man traditionsgemäß auf die Hilfe Russlands.

[dw-world.de: Transnistrien setzt Friedensgespräche mit der Republik Moldau aus]
[tiraspol.info: Приднестровская столица митингует против таможенной блокады]

Kinotipp: 89 mm – Freiheit in der letzten Diktatur Europas

Ein Film über ein junges Land, das zerrissen scheint zwischen Stagnation, Protest und Aufbruch. 89 Millimeter, das ist auch der Unterschied der Spurweite der Eisenbahngleise zwischen Belarus/Weißrussland und seinen westlichen Nachbarn. Kein großer Abstand, aber an der Grenze der neuen EU öffnet sich eine andere Welt: Belarus ist das einzige europäische Land, in dem die Todesstrafe noch vollstreckt wird, hier regiert Alexander Lukaschenko seit 1994, als er das Parlament entmachtete, hier befindet sich die angeblich letzte europäische Diktatur. Der 25-jährige Filmemacher Sebastian Heinzel fragt, wie junge Menschen in seinem Alter ihr Leben in diesem Land gestalten und sucht nach den Spuren der Diktatur im Alltag. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Porträt einer Generation, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versucht einen Weg für sich zu finden.

Nächste Woche im Schikaneder (Programm).

[via BAOBAB Medientipp]
[taz.de: Minsker Momente]

monochrom: Markenzeichen

Lacoste-Logo

Der monochrom-Versuch die reale Macht der Marken zu testen, indem je 25 österreichische Personen insgesamt zwölf verbreitete Logos (neun internationale, drei spezifisch zentraleuropäische) aus dem Gedächtnis zeichnen mußten.

[Link]