In Europa (6) (updated)

Belarus Flag

Es gibt Sachen über die man nicht zu lange nachdenken sollte! Da hab’ ich in den letzten Tagen locker zwei oder drei dutzend Artikel über die bevorstehenden Wahlen in Belarus gelesen. Desto länger ich darüber nachdenke, desto paradoxer kommt mir die Situation vor. Da ist ein “Präsident”, der sich bei der Bevölkerung einer recht hohen Beliebtheit erfreut, obwohl er für ein Klima der Angst verantwortlich ist. Zweifels ohne, die Wirtschaftsdaten sind nicht schlecht: hohe Wachstumsraten, geringe Arbeitslosigkeit usw. Selbst die unabhängigsten Umfragen aus dem Ausland bescheinigen Lukaschenko mindestens 50 Prozent der Stimmen. Die uneinige Opposition kann ihm nicht gefährlich werden.

Trotzdem macht dieser Mann alles, um seinen sowieso schon recht bescheidenen Ruf komplett zu ruinieren. Da werden Wahlbeobachter schon an den Staatsgrenzen von ihrer Arbeit abgehalten, indem man sie nicht einreisen lässt, die letzten Reste freier Medien blockiert (Ein erschreckendes Beispiel gibt’s hier) und Oppositionelle aufgrund von Nichtigkeiten (zumindest) für die Zeit der Wahlen eingesperrt.

In Grodno wurde der Vorsitzende des Verbands der Vereinigten Bürgerpartei im Gebiet Brest, Stepan Nowoseltschan, wegen Falschparkens seines Wagens von der Polizei festgenommen. Auch in Grodno wurden acht weitere Mitglieder der Teams der Präsidentschaftskandidaten Aleksandr Milinkewitsch und Aleksandr Kosulin verhaftet, unter ihnen Sergej Maltschyk, Wiktor Sasonow und Maksym Gubarewitsch, aber auch die Mitglieder des von der Staatsmacht nicht anerkannten Verbandes der Polen in Belarus, Andrzej Pisalnik, Andrzej Poczobut und Jozef Porzecki. Gegen sie wurde Anklage wegen unflätiger Ausdrücke in der Öffentlichkeit erhoben.

Warum dieser Aufwand für eine Wahl, die sowieso schon gewonnen ist? Anders als in der Ukraine, gibt es in Belarus kaum Bevölkerungsteile, die ihre Zukunft eindeutig in der Westintegration sehen. Durch all diese komischen Aktionen erhöht Lukaschenko die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, was jemand wie er eigentlich gar nicht gebrauchen kann.

Auch die Opposition gibt mir Rätsel auf: Da tut sich die Möglichkeit auf, die von Lukaschenko vorverlegten Wahlen kurzfristig platzen zu lassen, indem zwei Kandidaten zurücktreten: Milinkewitsch spielt nicht mit. Und über die Fehler der EU in dieser Region Europas, brauche ich nicht zu schreiben. Zu diesem Thema hat der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse schon alles gesagt (pdf).

Bleibt abzuwarten, wieviele Leute am Sonntag auf den Straßen von Minsk gegen die Wahlfälschungen demonstrieren. So klein die Chance für einen Umbruch auch ist, so groß die Hoffnung!

[Deutsche Welle: Zahlreiche Oppositionelle vor Wahl in Belarus festgenommen]
[Deutsche Welle: Belarussische Opposition ruft zu Protesten auf]
[Der Standard: Polizei droht Regimegegnern am Wahltag Gewalt an ]
[Der Standard: Weitere Oppositionelle festgenommen]
[Der Standard: Stalinismus mit Sahnehäubchen]
[RadioFreeEurope: Key Opposition Figures Arrested In Belarus]
[RadioFreeEurope: Polish Journalist Refused Entry Into Belarus]
[RadioFreeEurope: Minsk Police Arrest Russian, Belarusian Activists]
[br23 blog: Ukrainian journalist arrested]
[RadioFreeEurope: Belarusian Newspapers Suspend Publication]
[Deutsche Welle: Belarus: Ansprachen der Präsidentschaftskandidaten zensiert]
[Eurozine: Wie Weißrussland Lukaschenko wählt]
[Eurozine: Belarus: Hopes for democracy and doubts about national identity]
[café babel: Milinkevich: “I believe in a European Belarus”]
[café babel: Färbt sich Weißrussland orange?]
[RIA Novosti: Georgien besorgt über Nichtzulassung seiner Beobachter zu Präsidentenwahlen in Weißrussland]

In Europa! (5)

Chaos an der moldauisch-ukrainischen Grenze
Demonstranten in Tiraspol
Das neue, gemeinsam mit der EU und der OSZE ausgehandelte Zollabkommen zwischen der Ukraine und Moldawien, das seit 3. März in Kraft ist, untersagt den Transit von Waren aus der selbsternannten Republik Transnistrien in die Ukraine, wenn für diese keine Zollpapiere der Republik Moldova vorliegen. Bereits letzte Woche kam es deswegen zu chaotischen Zuständen an der moldauisch-ukrainischen Grenze.

Korrespondenten des Rumänischen und Ukrainischen Programms der Deutschen Welle berichten von chaotischen Zuständen an der Grenze. Derzeit sind am Grenzbahnhof Kutschurgany mehr als 1.500 Eisenbahn-Waggons gestoppt. Sie werden nicht über die Grenze gelassen, weil für sie die notwendigen Begleitpapiere des moldauischen Zolls fehlen. Eine ähnliche Situation ist auch in der Grenzsstadt Bendery zu beobachten.

Der transnistrische Präsident Igor Smirnow heizt indessen die Lage noch weiter an, indem er allen Händlern die um moldawische Exportgenehmigungen ansuchen, mit hohen Gefängnisstrafen droht. Auch die Friedensgespräche mit Moldawien liegen seit Dienstag still. Laut tiraspol.info haben heute 10000 Menschen in der Hauptstadt Transnistriens gegen die “Zollblockade” demonstriert. In Tiraspol hofft man traditionsgemäß auf die Hilfe Russlands.

[dw-world.de: Transnistrien setzt Friedensgespräche mit der Republik Moldau aus]
[tiraspol.info: Приднестровская столица митингует против таможенной блокады]

Kinotipp: 89 mm – Freiheit in der letzten Diktatur Europas

Ein Film über ein junges Land, das zerrissen scheint zwischen Stagnation, Protest und Aufbruch. 89 Millimeter, das ist auch der Unterschied der Spurweite der Eisenbahngleise zwischen Belarus/Weißrussland und seinen westlichen Nachbarn. Kein großer Abstand, aber an der Grenze der neuen EU öffnet sich eine andere Welt: Belarus ist das einzige europäische Land, in dem die Todesstrafe noch vollstreckt wird, hier regiert Alexander Lukaschenko seit 1994, als er das Parlament entmachtete, hier befindet sich die angeblich letzte europäische Diktatur. Der 25-jährige Filmemacher Sebastian Heinzel fragt, wie junge Menschen in seinem Alter ihr Leben in diesem Land gestalten und sucht nach den Spuren der Diktatur im Alltag. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Porträt einer Generation, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versucht einen Weg für sich zu finden.

Nächste Woche im Schikaneder (Programm).

[via BAOBAB Medientipp]
[taz.de: Minsker Momente]

monochrom: Markenzeichen

Lacoste-Logo

Der monochrom-Versuch die reale Macht der Marken zu testen, indem je 25 österreichische Personen insgesamt zwölf verbreitete Logos (neun internationale, drei spezifisch zentraleuropäische) aus dem Gedächtnis zeichnen mußten.

[Link]

Befreit Dokumente!

Wir möchten, dass alle Bürgerinnen und Bürger möglichst leicht und schnell vom neuen Informationsfreiheitsgesetz profitieren können. Leider nehmen die Behörden oft hohe Gebühren für die Herausgabe oder Kopie von Unterlagen und Schriftstücken. Hier bei uns können Sie die Dokumente, die Sie aus den Aktenkellern “befreit” und vielleicht teuer bezahlt haben, unkompliziert auch anderen Interessierten zugänglich machen. Das macht den Staat transparent, spart doppelte Arbeit und doppelte Kosten für alle Beteiligten.

Übrigens: Ein Informationsfreiheitsgesetz gibt’s auch in Österreich! Hier heißt es zwar Auskunftspflichtgesetz, funktioniert aber genauso wie in Deutschland. Also Leute, nehmt Eure Reche wahr!

[Link]

In Europa! (4) (updated)

Demonstranten in Minsk
(Quelle: Радыё Свабода)

Gestern haben auf den Straßen der weißrussischen Hauptstadt Minsk 2000 bis 3000 Menschen gemeinsam mit dem Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Opposition Alexander Milinkewitsch gegen das autoritäre Regime von “Präsident” Lukaschenko demonstriert. Der Ausgangspunkt der Demonstration war der Platz der Freiheit, auf dem sich auch der Republikspalast befindet, in dem zur selben Zeit 2500 Parteigenossen über den nächsten Fünfjahresplan – offensichtlich Optimisten ;) – diskutiert haben. Alles in allem eine gelungene Generalprobe für den 19. März.

Zuvor war Alexander Kozulin, ebenfalls Präsidentschaftskandidat, brutalst und ohne Grund festgenommen und erst nach einigen Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Man sieht ihm an, dass er geschlagen wurde: die untere Lippe blutet, auf dem Hemd sind Blutspuren sichtbar.

Weitere Bilder von der Demonstration finden sich auf den Seiten von Radio Svaboda. Eine detaillierte Chronik der Ereignisse vom 2. März findet sich auf belarusnews.de.

Update: Noch mehr Bilder auf den Seiten der Oppositionsbewegung Bison.

[derStandard.at: Weißrussische Opposition probt für Wahl]
[NYTimes.com: Opposition Candidate in Belarus Is Arrested and Beaten]