In der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung versucht Richard Wagner die ukrainischen Wahlergebnisse vom letzten Sonntag als Widerspruch zu der von Juri Andruchowytsch geforderten EU-Integration der Ukraine darzustellen. Andruchowytsch hatte in seiner Eröffnungsrede zur Leipziger Buchmesse (
pdf) als Reaktion auf eine Aussage von Günter Verheugen1 auf den Anspruch der Ukraine hingewiesen, Teil der Europäischen Union zu sein.
Über seine Klientel verliert Andruchowytsch kein Wort. Nichts darüber, dass in der Ukraine gegensätzliche Meinungen über die angestrebte Zukunft herrschen. Kein Wort davon, dass viele Bewohner sich als Russen verstehen. Ihm erscheint die Opposition vielmehr “frech” und “von Moskau bezahlt”. Kann es nicht sein, dass diese Gruppen bloß andere Vorstellungen und Interessen haben? Die Wahlergebnisse vom Sonntag mit einem sehr hohen Anteil für den pro-russischen Block bilden die Realität leider genauer ab als die intellektuelle Rede.
Es ist wohl wahr, dass die Ukrainer sehr unterschiedliche Vorstellungen von ihrer Zukunft haben. Auch über 15 Jahre nach dem Fall des Eisernern Vorhangs scheint in vielen Köpfen ein Ost-West-Denken vorzuherschen. Aber gerade in einer Integration der Ukraine in die Europäsiche Union besteht doch die historische Chance, dieses Kapitel der Geschichte endgültig abzuschließen. Solange die Ukraine in ihren Nationalgrenzen gefangen ist, wird sie vor der unlösbaren Aufgabe stehen, sich zwischen Ost und West entscheiden zu müssen. Als Teil einer größeren EU hingegen bestünde für die einzelnen Regionen der Ukraine zum ersten Mal die Chance, sich für ihre Anliegen vor einer Europäischen Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen.
Jahrhunderte lang kam Europa nicht zur Ruhe, weil Völker in Grenzen gezwungen wurden, mit denen sie sich nicht identifizieren konnten. Eben das ist ja auch der Grund für all die Konflikte, die Europa auch heute noch belasten – sei es in Transnistrien, im Kosovo, im Baskenland, am Balkan oder in der Ukraine. Diese z.T. fast unlösbaren Konflikte können durch eine EU-Integration und eine Stärlung der Regionen mit einem Schlag entkräftet werden. Daraus folgt unmittelbar die Idiotie der Schaffung neuer Grenzen, egal ob zu den Ex-Sowjetrepubliken, der Türkei oder Nordafrika. Juri Andruchowytsch hatte doch recht!
1 Auf die Frage eines Journalisten nach der Zukunft der EU sagte Verheugen: “In 20 Jahren werden alle europäischen Länder Mitglied der EU sein – mit Ausnahme der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die heute noch nicht in der EU sind.”
[Berliner Zeitung:
Wer spricht für die Ukrainer?]